Tour du Mont Blanc Cycling – 330 Kilometer zwischen Euphorie, Regen und Gänsehaut
- marcelgertsch
- vor 3 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen
Nach monatelanger Vorbereitung war es endlich soweit. Die Tour du Mont Blanc Cycling stand vor der Tür. 330 Kilometer und über 8’000 Höhenmeter rund um den höchsten Berg der Alpen. Mein persönliches Saisonhighlight und gleichzeitig die grösste Herausforderung, die ich mir bis dahin vorgenommen hatte.
Anreise nach Les Saisies
Bereits am Freitagmorgen machte ich mich früh auf den Weg nach Les Saisies. Wie geplant traf ich gegen Mittag ein. Da die Startnummernausgabe und der Hotel-Check-in erst ab 14 Uhr möglich waren, blieb genügend Zeit für eine kleine Mittagsverpflegung.
Übernachtet habe ich im Hotel Calgary. Sicher nicht die luxuriöseste Unterkunft, aber absolut zweckmässig. Der grösste Pluspunkt: Das Hotel lag keine Minute vom Startgelände entfernt. Besser geht es kaum.
Nachdem ich das Startpaket abgeholt hatte, drehte ich noch eine kleine Runde, um die Beine etwas zu lockern. Anschliessend wurde das Velo vorbereitet: Startnummer montieren, letzter Technik-Check, Flaschen füllen, Verpflegung einpacken und sämtliche Kleider für den frühen Morgen bereitlegen.
Danach hiess es möglichst früh ins Bett. Auch wenn an Schlaf kaum zu denken war.
Der Renntag beginnt
Um 3:45 Uhr klingelte der Wecker.
Das Frühstück fiel bewusst einfach aus: Milchbrötchen, Madeleines und ein Emmi Espresso Double Zero mussten reichen. Eine kurze Dusche, die letzten Handgriffe – und schon ging es Richtung Start.
Um etwa 4:30 Uhr stellte ich mich ungefähr in der Mitte des Starterfeldes auf. Trotz der frühen Uhrzeit herrschte bereits eine besondere Stimmung. Jeder wusste, was für ein langer Tag bevorstand.
Punkt 5:00 Uhr fiel der Startschuss.
Konzentration statt Euphorie
Gleich nach dem Start ging es in die erste Abfahrt. Es war noch dunkel. Zwar war die vorgeschriebene Beleuchtung an jedem Velo montiert, trotzdem verlangte die Situation höchste Konzentration. Schlechter Strassenbelag, Dunkelheit und ein grosses Fahrerfeld sind keine Kombination, bei der man Fehler machen möchte.
Zum Glück wurde es rasch hell und ein wunderschöner Sommertag kündigte sich an.
Wie so oft bei einem Rennen war das Adrenalin allerdings zunächst stärker als der Verstand. Meine Leistung lag deutlich über den Vorgaben meines KI-Pacing-Plans. Ich musste mich bewusst bremsen.
Gerade bei einem Rennen dieser Länge gewinnt man nichts auf den ersten Kilometern, verlieren kann man aber sehr viel.
Verpflegung als Schlüssel zum Erfolg
Von Beginn an konzentrierte ich mich konsequent auf die Verpflegung.
Meine Trikottaschen waren komplett mit meinen bewährten Winforce-Produkten gefüllt: Carbo Basic Pro, Fast Energy, Ultra Energy und Panforte-Riegel.
Die Produkte des offiziellen Sponsors kannte ich nicht. Bei einem Rennen dieser Länge wollte ich keinerlei Experimente eingehen.
Bereits an der ersten Verpflegungsstelle hielt ich kurz an, füllte beide Flaschen mit Wasser auf und mischte mein mitgebrachtes Carbo Basic Pro dazu. Dazu ein paar Cracker für den Salzhaushalt und einige Kekse.
Auch bei Kilometer 100 lief die Verpflegung nach demselben Schema. Dazwischen sorgten Gels und Riegel regelmässig für Nachschub.
Die ersten rund 2’000 Höhenmeter vergingen fast unbemerkt.
Champex – der erste echte Prüfstein
Mit dem Anstieg nach Champex begann der erste längere Pass des Tages.
Rund 1’000 Höhenmeter am Stück. Genau dafür hatte ich trainiert.
Ich hielt mich konsequent an meine Vorgabe von rund 200 Watt. Nicht schneller. Nicht langsamer.http://gut.Fast
Die anschliessende Abfahrt war schnell und machte richtig Spass.
Mittlerweile zeigte das Thermometer knapp 30 Grad. Die Sonne brannte vom Himmel.
Ich fühlte mich erstaunlich gut.
Fast schon zu gut.
Col du Grand Saint-Bernard – Wetterumschwung
Es folgte der längste Anstieg des Tages.
Der Col du Grand Saint-Bernard mit rund 1’600 Höhenmetern.
Auch dieser Berg bereitete mir erstaunlich wenig Mühe. Die langen Geraden und die Tunnel- beziehungsweise Galerienpassagen sind landschaftlich zwar weniger spektakulär, fahrerisch aber angenehm.
Erst auf den letzten Kilometern wurde die Strasse etwas steiler.
Kurz vor der Passhöhe begann es leicht zu regnen.
Innerhalb weniger Minuten entwickelte sich daraus ein heftiges Gewitter.
Die härteste Abfahrt des Tages
Oben auf der Passhöhe war es plötzlich eisig kalt.
Ich hielt den Verpflegungsstopp so kurz wie möglich und machte mich sofort an die Abfahrt.
Was folgte, werde ich so schnell nicht vergessen.
Sintflutartiger Regen setzte die Strasse innerhalb kürzester Zeit komplett unter Wasser. Jeder Regentropfen spritzte meterhoch vom Asphalt zurück.
Mein Assos Mille GT Windbreaker war für Wind gemacht, nicht für Starkregen.
Innerhalb weniger Minuten war ich komplett durchnässt.
Ich begann zu zittern.
Jeder verlorene Höhenmeter brachte etwas wärmere Temperaturen und genau darauf hoffte ich. Noch nie hatte ich mich so sehr auf tiefere Lagen gefreut wie in diesem Moment.
Gegenwind im Aostatal
Nach der Abfahrt wartete das scheinbar flache Aostatal.
Auf dem Profil sah es harmlos aus.
In Wirklichkeit bedeuteten 32 Kilometer mit rund 600 Höhenmetern – und vor allem kräftigem Gegenwind.
Ich suchte mir eine Gruppe und versuchte, möglichst energiesparend im Windschatten mitzufahren. Führungsarbeit war heute definitiv nicht mein Ziel.
Verpflegung mit kleiner Ausnahme
Vor dem nächsten grossen Anstieg lag nochmals eine Verpflegungsstation.
Hier hatte ich einen persönlichen Drop Bag deponiert.
Ich füllte meine Rückentaschen erneut mit Winforce-Produkten auf. Zusätzlich befand sich Ersatzbekleidung im Beutel.
Im Nachhinein hätte ich mich wahrscheinlich umziehen sollen.
Stattdessen wagte ich noch einen Teller Pasta.
Ein Experiment, das ich künftig wohl nicht mehr wiederholen werde.
Petit Saint-Bernard
Mittlerweile war vom Regen nichts mehr zu spüren.
Die Temperaturen waren wieder sommerlich warm.
Der Petit Saint-Bernard mit seinen rund 1’100 Höhenmetern und einer durchschnittlichen Steigung von knapp sechs Prozent liess sich hervorragend fahren.
Die Beine fühlten sich nach wie vor erstaunlich frisch an.
Trotzdem hielt ich mich weiterhin konsequent an meine Vorgabe von rund 200 Watt.
Das Rennen war noch lange nicht vorbei.
Cormet de Roselend
Der vorletzte grosse Anstieg führte hinauf zum Cormet de Roselend.
Auch hier blieb ich diszipliniert.
Obwohl viele Fahrer bereits deutlich langsamer wurden, hielt ich mich weiterhin an meinen Plan und fuhr möglichst ökonomisch.
Oben nochmals kurz verpflegt.
Dann folgte eine wunderschöne Abfahrt Richtung Bourg-Saint-Maurice.
Spätestens hier wusste ich: Heute werde ich das schaffen.
Die letzten 1’000 Höhenmeter
Jetzt wartete nur noch der Schlussanstieg zurück nach Les Saisies.
Noch einmal rund 1’000 Höhenmeter.
Die Euphorie war gross. Vielleicht etwas zu gross.
Ich erhöhte das Tempo auf rund 230 bis 240 Watt.
Nach etwa fünf Kilometern wurde mir klar, dass dies wohl doch etwas optimistisch gewesen war.
Ich reduzierte das Tempo wieder.
Die letzten Kilometer wollten einfach kein Ende nehmen.
Jede Kurve liess hoffen, bereits das Ziel zu sehen. Doch hinter jeder Kurve wartete nur die nächste.
Geschafft!
Nach 16 Stunden und 33 Minuten war es geschafft.
Kurz bevor es wieder dunkel wurde, überquerte ich die Ziellinie.
Die reine Fahrzeit betrug 15:27 Stunden.
Körperlich war ich natürlich müde.
Überraschenderweise fühlte ich mich ansonsten aber erstaunlich fit.
Das Finisher Meal verschwand in Rekordzeit und kurze Zeit später lag ich bereits im Bett.
Nach einer eher unruhigen Nacht wachte ich am nächsten Morgen erstaunlich erholt auf. Lediglich mein linker Fuss schmerzte etwas.
Bereits wenige Tage später fühlte ich mich wieder vollständig regeneriert.
Fazit
Im Vorfeld hatte ich grossen Respekt vor dieser Herausforderung. Immer wieder stellte ich mir die Frage, ob ich diese Distanz tatsächlich schaffen würde.
Heute kenne ich die Antwort.
Ja.
Und zwar besser, als ich es selbst erwartet hätte.
Die Tour du Mont Blanc Cycling gehört für mich zu den schönsten und gleichzeitig anspruchsvollsten Rennradveranstaltungen, die ich bisher gefahren bin. Traumhafte Alpenpässe, perfekte Organisation, begeisterte Helfer und eine Strecke, die einem alles abverlangt.
Ein Event, den ich jedem empfehlen kann, der lange Herausforderungen liebt.
Für mich war dieses Abenteuer ein voller Erfolg – und definitiv eines der grössten Highlights meiner bisherigen Rennradkarriere.
Die komplette Strecke, Leistungsdaten und alle Höhenmeter findet ihr wie gewohnt auf meinem Strava-Profil.





















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