Trainingslager Teneriffa – Höhenmeter statt Strandferien
- marcelgertsch
- 21. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Juli
Eine Trainingswoche im Süden war dieses Jahr fest eingeplant. Dank eines glücklichen Zufalls war ich bei der Wahl der Destination völlig frei. Im vergangenen Jahr gewann ich bei einem Wettbewerb einen Edelweiss-Flug für eine Kurz- oder Mittelstrecke nach Wahl. Das kam wie gerufen.
Mit der Tour du Mont Blanc als Saisonhighlight war schnell klar, dass vor allem eines auf dem Trainingsplan stehen musste: möglichst viele Höhenmeter. Nach einigen Recherchen fiel die Wahl auf Teneriffa.
Als Homebase entschied ich mich für Los Gigantes im Westen der Insel. Übernachtet habe ich im Barceló Santiago, ein typisches Mittelklassehotel. Nicht unbedingt meine bevorzugte Art zu reisen, aber absolut zweckmässig. Schliesslich verbrachte ich die meiste Zeit ohnehin nicht im Hotel, sondern auf dem Velo.
Tag 1 – Endlich geht's los
Kaum eingecheckt, ging es direkt aufs Velo. Genau dafür war ich schliesslich hier.
Die erste Tour führte über Santiago del Teide hinauf nach El Tanque. Rund 1'100 Höhenmeter warteten gleich zu Beginn der Trainingswoche.
Bereits kurz nach Los Gigantes liess ich die Küste hinter mir. Die Strasse schlängelte sich vorbei an Bananenplantagen stetig bergauf. Mit angenehmen Steigungsprozenten zwischen fünf und sieben Prozent liess sich der Anstieg wunderbar fahren. Schon bald eröffnete sich der Blick zurück auf die steilen Felswände der Westküste.

Oben angekommen war der Temperaturunterschied deutlich spürbar. Ich war froh, den Windbreaker eingepackt zu haben. Anschliessend folgte eine herrliche Abfahrt nach Garachico – schnell, flüssig und einfach ein Genuss.
Zurück auf Meereshöhe zeigte sich der Norden von einer ganz anderen Seite. Üppig grün, mit dichter Vegetation und deutlich feuchter als der Süden der Insel.
Über Las Granaderas wartete bereits der nächste Anstieg zurück Richtung Santiago del Teide, nochmals rund 1'100 Höhenmeter auf
gut 13 Kilometern. Danach ging es auf einer schnellen und kurvenreichen Abfahrt zurück nach Los Gigantes.
Ein perfekter erster Trainingstag.
Tag 2 – Der Teide ruft
Das Wetter versprach ideale Bedingungen und so stand endlich das grosse Ziel auf dem Programm: El Teide.
Über Guía de Isora führte die Westauffahrt hinauf in den Nationalpark. Rund 30 Kilometer Anstieg und knapp 2'000 Höhenmeter lagen vor mir.

Genau solche Anstiege liebe ich. Nie extrem steil, aber konstant. Man findet schnell seinen Rhythmus und kann einfach treten. Faszinierend ist dabei, wie sich mit jedem Höhenmeter die Landschaft verändert. Von Kakteen und Palmen geht es über Kiefernwälder bis hin zur kargen Vulkanlandschaft.
Oben angekommen fühlt man sich fast wie auf einem anderen Planeten. Die schwarzen Lavafelder und bizarren Felsformationen der bekannten Mondlandschaft sind schlicht beeindruckend. Jeder Höhenmeter lohnt sich.
Tag 3 – Locker? Nicht auf Teneriffa
Den langen Teide-Anstieg vom Vortag spürte ich doch noch etwas in den Beinen. Deshalb startete ich mit dem Auto in Santiago del Teide.
Nach einem kurzen Anstieg ging es zunächst auf einer traumhaften Abfahrt nach Icod de los Vinos. Anschliessend führte die Route der Küste entlang bis Buenavista del Norte.
Von dort begann einer der spektakulärsten Anstiege der Insel hinauf ins legendäre Bergdorf Masca. Steile Rampen, unzählige Kehren und immer wieder grandiose Ausblicke auf die grünen Berghänge machen diese Strasse zu einem absoluten Highlight. Wer auf Teneriffa unterwegs ist, sollte sich diese Strecke nicht entgehen lassen.
Am Ende standen rund 60 Kilometer und 1'700 Höhenmeter auf dem Garmin. Ein lockerer Erholungstag sieht auf Teneriffa eben etwas anders aus.
Tag 4 – Manchmal kommt es anders
Geplant war ein zweites Mal der Teide. Diesmal über die Südauffahrt via Vilaflor.
Die Bedingungen waren perfekt und die Motivation gross. Doch manchmal entscheidet nicht die Form über den Tagesverlauf, sondern einfach etwas Pech. Mitten auf der Strasse lagen Scherben. Ausweichen war unmöglich. Resultat: Doppelplatten.

Ein kurzer Blick auf Google Maps zeigte einen Veloverleih nur zehn Gehminuten entfernt. Glück gehabt, dachte ich. Leider hatte der Shop keine passenden Schläuche mit genügend langen Ventilen. Also blieb nur das Taxi zurück ins Hotel, Schläuche wechseln und den ursprünglichen Plan begraben.
Für den Teide reichte die Zeit nicht mehr. Also machte ich das Beste daraus und fuhr erneut den Anstieg nach Santiago del Teide.
Auch so kamen nochmals rund 60 Kilometer und 1'550 Höhenmeter zusammen.
Tag 5 – Vier Jahreszeiten an einem Tag
Das Wetter zeigte sich an diesem Tag von seiner unberechenbaren Seite.
Im Norden war Regen angesagt, weshalb ich Richtung Südosten auswich. Start war in Güímar. Ziel wäre eigentlich das Observatorium am Teide gewesen.
Bereits beim Blick hinauf war klar, dass das schwierig werden würde. Während unten noch die Sonne schien, hingen über den Bergen dichte Wolken. Mit jedem Höhenmeter nahm der Wind zu und auch die Temperaturen sanken deutlich. Der Windbreaker kam schon früh zum Einsatz.
Aus kräftigem Wind wurde schliesslich ein regelrechter Sturm. Erste Regentropfen fielen und bis zum Observatorium warteten immer noch rund 900 zusätzliche Höhenmeter.
Ich entschied mich vernünftigerweise rechts abzubiegen. Die Abfahrt Richtung El Tablado wurde zur echten Herausforderung. Regen, nasse Strassen, Temperaturen im einstelligen Bereich und teilweise über 15 Prozent Gefälle. Mit komplett durchfrorenen Händen fühlte sich jede Kurve wie eine kleine Mutprobe an.
Erst in Küstennähe wurden die Bedingungen langsam besser. Mit kräftigem Rückenwind rollte ich zurück Richtung Güímar und konnte mich endlich wieder etwas aufwärmen.
Die letzten Kilometer auf den Strassen oberhalb der Küste versöhnten dann doch noch etwas mit diesem Tag.
Auch wenn die Tour mit rund 60 Kilometern und 1'700 Höhenmetern kürzer ausfiel als geplant, wird sie mir wohl am längsten in Erinnerung bleiben.
Tag 6 – Plan B funktioniert auch
Nach einer stürmischen Nacht war auch am Morgen keine Wetterbesserung in Sicht. Über den Bergen hingen weiterhin dichte Wolken und der Wind blies unvermindert stark.
Ein weiterer Versuch auf den Teide machte deshalb keinen Sinn. Also hiess die Devise: Höhenmeter sammeln rund um Los Gigantes.
Die Gegend bietet unzählige kleine Nebenstrassen mit teilweise brutalen längeren Rampen von deutlich über 20 Prozent Steigung. Genau das Richtige, um zum Abschluss nochmals ordentlich Kraftausdauer zu trainieren.
Nach über 70 Kilometern und satten 2'300 Höhenmetern war die Trainingswoche endgültig abgeschlossen.
Fazit
Nach sechs intensiven Trainingstagen standen am Ende 455 Kilometer und 12'300 Höhenmeter auf dem Radcomputer. Nicht ganz was ich mir von dieser Trainingswoche erhofft hatte, aber ok.
Teneriffa ist ohne Zweifel ein Paradies für alle, die gerne lange Anstiege fahren. Die Kombination aus gut ausgebauten Strassen, langen Pässen und den ständig wechselnden Landschaften macht die Insel zu einem hervorragenden Trainingsrevier.
Vom Meer bis in die Vulkanlandschaft des Teide-Nationalparks erlebt man auf einer einzigen Ausfahrt unterschiedlichste Klimazonen und Landschaften – genau das macht den besonderen Reiz aus.
Leider spielte das Wetter in dieser Woche nicht immer mit. Dazu kam, dass ich mit einer leichten Erkältung angereist war und nie ganz bei 100 Prozent war. Besonders die stürmischen und kalten Bedingungen in den höheren Lagen zeigten eindrücklich, dass auch Teneriffa nicht immer nur Sonnenschein bedeutet.
Trotzdem war das Trainingslager ein voller Erfolg und eine wichtige Grundlage für die Vorbereitung auf die Tour du Mont Blanc.
Ob ich allerdings jedes Jahr wieder nach Teneriffa reisen werde? Wahrscheinlich eher nicht. Dafür gibt es einfach zu viele spannende Rennrad-Destinationen in Europa, die noch darauf warten, entdeckt zu werden.
Wer jedoch gezielt Höhenmeter sammeln und sich auf alpine Herausforderungen vorbereiten möchte, findet auf Teneriffa nahezu perfekte Bedingungen.
Die kompletten Routen aller sechs Ausfahrten findet ihr wie immer auf meinem Strava-Profil.



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